Bild des Monats

Jeden Monat stellen Angelika Lorinser und Jens Grüter ein Bild aus dem reichen Schatz an Wandmalereien der Martinskirche mit ausführlicher Erläuterung vor um den Interessierten Details und Hintergrundwissen zu bieten. Eine wissenschftlich abgesicherte Beschreibung ist hiermit noch nicht gegeben. Eine kunsthistorische Aufarbeitung der Bilder ist aber bereits in Auftrag gegeben.

Bitte beachten Sie auch: Einige allgemeinde Infos haben wir für Sie unter 'Martinskirche' zusammengestellt.

September 2020

Einführung zur Bildfolge 4-6
Persönliche Krisen ziehen sich durch die Bibel wie ein roter Faden: Glaubenskrisen, Ungerechtigkeit, familiäre Krisen, Kinderlosigkeit, unermessliches Leid, Krankheit und finanzieller Ruin. Spannend ist dabei zu beobachten, wofür sich Menschen in biblischen Erzählungen entscheiden, wie Gott sich einmischt und welche der angebotenen Optionen sie dann wählen, um diese Krise zu bewältigen. Eine wichtige Erkenntnis ist dabei: Krise bewirkt immer Veränderung!
Die nun folgende Dreiteilung der nächsten Bildfolgen richtet die Betonung auf das mittlere Bildfeld mit unseren Protagonisten Anna und Joachim, eingerahmt durch eine vorausgehende Bildszene mit Joachim und einer nachfolgenden mit Anna. So wird die zentral dargestellte Handlung ideal mit den Geschehnissen linksseitig und rechtsseitig verknüpft.

Bild des Monats September

Nach der Ausweisung aus dem Tempel begibt sich Joachim nicht nach Hause. Zu groß ist seine Scham! Er tut, was die meisten Menschen in seiner Lage tun würden: Er zieht sich zurück!
In der modernen Übersetzung der Legenda aurea von Bruno W. Häuptli (2016) steht dazu folgendes:

…Als Joachim sich so beschämt sah, wollte er aus Scham nicht nach Hause zurückkehren, um sich nicht nochmals von Seiten der Stammesgenossen, die das mitangehört hatten, einem solchen Vorwurf auszusetzen. Darum verzog er sich zu seinen Hirten.
Das Protevangelium des Jacobus berichtet so: … Joachim war sehr traurig, und er zeigte sich seiner Frau nicht, sondern begab sich in die Wüste. …

Joachim bei den Hirten

Joachim bei den Hirten

Das letzte Bild des 1. Registers an der Chorwestwand, begrenzt durch den rechtsseitigen Schildbogen des Kreuzrippengewölbes, zeigt den Moment, als Joachim schon beinahe an sein Ziel gekommen ist, aber die göttliche Botschaft, die eine große Veränderung in sein Leben bringen wird, ihn noch nicht erreicht hat.
Wir sehen ihn am linken Bildrand mühselig den Pfad, der zur Anhöhe führt, hinaufkommen. Der Weg vom Tempel in Jerusalem durch die Judäische Wüste bis zu seinen Schafherden war anstrengend. Seine Körperhaltung spricht von großem Leid und tiefer Erschöpfung. Auf dem Kopf sitzt sein ihn kennzeichnender Hut, breitkrempig, oben abgeplattet. Sein bärtiges Gesicht hält er tief gesenkt, seine Mundwinkel hängen nach unten, der müde und traurige Blick seiner gesenkten Augen spricht Bände. Noch hat er den letzten Hügel, das letzte Hindernis, nicht ganz umrundet. Es ist erst sein rechter Fuß mit dem braunen Lederstiefel zu sehen. Doch er erblickt bereits seinen Hirten, der auf der rechten Bildseite, am Fuße des Hügels, wartet. Joachims geöffnete linke Hand ist zum Gruß erhoben und sein Gegenüber erwidert den Gruß, indem er ihm mit leicht erhobenen Arm die Innenseite seiner linken Hand zeigt.
Die Körperhaltung des Hirten, die dem Verlauf des Schildbogens angepasst ist, zeigt Unsicherheit. Der gesenkte Blick verrät, dass er nicht genau weiß, wie er sich verhalten soll. Er trägt seine  praktische Berufskleidung: ein grünliches, nur knielanges Obergewand, das mit einem Gürtel zusammengehalten wird, helle Beinlinge und auffallend braun-orangene Lederstiefel. Sein Kopf ist bedeckt mit einer wärmenden, langzipfligen Gugel, auf der sein Schäferhut sitzt. Selbstverständlich ist er nicht ohne seine ihn als Hirten kennzeichnenden Symbole gemalt. Die Hirtentasche hängt von der rechten Schulter ausgehend diagonal über Brust und Rücken. Seine rechte Hand umfasst den knorrigen Hirtenstab, der zugleich Stütze und Waffe ist (Nach dem Bild eines Schafhirten wurde ein Bischof/Abt als geistlicher Hirt seiner Herde, als "Guter Hirt" (pastor bonus) der Christengemeinde dargestellt. Sein Amtszeichen war der Hirtenstab (virga pastoris)).
Zwischen unseren beiden Protagonisten erhebt sich ein linkseitig ansteigender und rechts abflachender Hügel wie ein Bühnenbild, eine romantisch angehauchte Kulisse: grasbewachsen, vier weidende Schafe, gesäumt von einem an der höchsten Stelle aufragenden kleeblattförmig gemalten Baum (Schirmakazie?) und einem kleineren, Entfernung vortäuschenden, ebenfalls kleeblattförmigen Baum, der im unteren Viertel der abflachenden Hügelseite wächst.
Doch wir wissen, dass die Menschen des Mittelalters aus der christliche Kunst noch tiefer gehende Erkenntnisse „herauslesen“ konnten. So steht das Gras für das „Aufblühen“ des Menschen, für Frische und Regeneration, für das „Weiden auf grünen Auen“. Das Schaf ist das Sinnbild der Reinheit, der Unschuld, der Geduld und der Sanftmut. Die Anzahl der hier gezeigten Schafe ist vier, die Bäume sind mit einer kleeblattförmigen Krone gemalt und die Vier bedeutet in der biblischen Sprache u. a. Gerechtigkeit! Und die Zeit der Gerechtigkeit ist nun für Joachim angebrochen!
                                        Aus der rechten oberen Bildecke, noch halb verdeckt durch eine Wolke, schwebt ein Engel ins Bild. Der Bote Gottes kennt keine Hindernisse, wie die zwei goldenen Flügel, die über dem oberen Bildrand zu sehen sind, beweisen. Seine linke Hand hält ein leeres Spruchband, das über den Hut des Hirten verläuft und erst über der erhobenen linken Hand Joachims endet, sie beinahe berührt. Aber noch hat Joachim nicht bemerkt, dass gleich ein wundersames Ereignis geschehen wird. Nur die Tiere spüren die ungewöhnliche Atmosphäre, schauen doch zwei der Schafe dem Engel bereits mit lang gestreckten Hälsen entgegen. Der Engel hat Joachim viel zu sagen und weissagt ihm seine Zukunft.                           
Die Legenda aurea beschreibt diese Situation mit folgenden Worten:
Als er (Joachim) dort einige Zeit geblieben war, erschien eines Tages ein Engel in großer Klarheit und ermahnte ihn, als er über die Erscheinung bestürzt war, mit folgenden Worten, sich nicht zu fürchten: “Ich bin der Engel des Herrn, der zu dir gesandt ist, dir zu verkünden, dass deine Bitten erhört wurden und deine Almosen vor das Antlitz Gottes aufgestiegen sind. Ich sah nämlich deine Beschämung und hörte den Vorwurf der Unfruchtbarkeit, der dich zu Unrecht traf. Gott bestraft nämlich die Sünde, nicht die Natur und, wenn er den Leib einer Frau verschließt, dann tut er es, um ihn umso wunderbarer wieder zu öffnen, und damit man erkenne, dass das Kind, das geboren wird, nicht die Frucht der Lust ist, sondern ein Geschenk Gottes. Musste nicht Sara, die Stammmutter eures Volkes, bis in ihr neunzigstes Jahr den Vorwurf der Unfruchtbarkeit ertragen und gebar dennoch den Isaak, dem die Segnung aller Völker verheißen war? War nicht auch Rahel lange unfruchtbar und gebar dennoch Joseph, der die Herrschaft über ganz Ägypten erhielt? Wer war kräftiger als Simson oder heiliger als Samuel und doch hatten diese beiden eine Mutter, die unfruchtbar gewesen war? ...
So wird dir auch Anna, deine Frau, eine Tochter gebären und du wirst ihr den Namen Maria geben. Diese wird, wie ihr gelobt habt, von Kind auf dem Herrn geweiht sein, wird vom Mutterleib an erfüllt sein vom Heiligen Geist, sie wird nicht draußen unter dem Volk, sondern stets im Tempel des Herrn wohnen, damit niemand etwas Falsches von ihr denke. Und wie sie von einer unfruchtbaren Mutter geboren werden wird, so wird von ihr auf wunderbare Weise der Sohn des Allerhöchsten geboren werden. Sein Name wird Jesus sein und durch ihn wird allen Völkern das Heil zuteilwerden. Und dies wird dir zum Zeichen dienen: Wenn du in Jerusalem zur Goldenen Pforte kommst, wirst du deiner Gattin Anna begegnen, die über dein Verweilen jetzt beunruhigt, dann aber bei deinem Anblick erfreut sein wird.“ Nach diesen Worten verließ ihn der Engel.