Bild des Monats

Jeden Monat stellen Angelika Lorinser und Jens Grüter ein Bild aus dem reichen Schatz an Wandmalereien der Martinskirche mit ausführlicher Erläuterung vor um den Interessierten Details und Hintergrundwissen zu bieten. Eine wissenschftlich abgesicherte Beschreibung ist hiermit noch nicht gegeben. Eine kunsthistorische Aufarbeitung der Bilder ist aber bereits in Auftrag gegeben.

Bitte beachten Sie auch: Einige allgemeinde Infos haben wir für Sie unter 'Martinskirche' zusammengestellt.

Einführung zur Bildfolge 4-6

Persönliche Krisen ziehen sich durch die Bibel wie ein roter Faden: Glaubenskrisen, Ungerechtigkeit, familiäre Krisen, Kinderlosigkeit, unermessliches Leid, Krankheit und finanzieller Ruin. Spannend ist dabei zu beobachten, wofür sich Menschen in biblischen Erzählungen entscheiden, wie Gott sich einmischt und welche der angebotenen Optionen sie dann wählen, um diese Krise zu bewältigen. Eine wichtige Erkenntnis ist dabei: Krise bewirkt immer Veränderung!
Die nun folgende Dreiteilung der nächsten Bildfolgen richtet die Betonung auf das mittlere Bildfeld mit unseren Protagonisten Anna und Joachim, eingerahmt durch eine vorausgehende Bildszene mit Joachim und einer nachfolgenden mit Anna. So wird die zentral dargestellte Handlung ideal mit den Geschehnissen linksseitig und rechtsseitig verknüpft.

Bild des Monats November

Wir lenken nun unsere Aufmerksamkeit auf das Hauptbild der Bildfolge 4-6, das von der „Begegnung Annas und Joachims an der Goldenen Pforte“ erzählt. Auf vielfältige Weise in der Kunst dargestellt gewann die Botschaft dieses Bildes, das liebevolle Aufeinandertreffen der beiden, an zentraler Bedeutung. Die Umarmung, auf manchen Bildern auch das Küssen, galt seit dem 10./11. Jh. als Sinnbild der unbefleckten Empfängnis Marias. Im 13. Jahrhundert erfuhr die Verehrung der Heiligen Anna einen enormen Anstieg parallel zur zunehmenden Marienverehrung. Katholische Theologen beschäftigten sich mit der Frage, wie konnte Maria als normaler Mensch den Sohn Gottes gebären? Die Antwort dieser Frage fanden sie in der Vorstellung, dass Maria selbst, bevor sie gezeugt und geboren wurde, von Gott auserwählt sein musste. Am 8. Dezember 1854 verkündete Papst Pius IX das Dogma von der unbefleckten Empfängnis nicht nur des Gottessohnes Jesus durch Maria, sondern auch der Maria durch Anna. Die Lehre von der "Immaculata Conceptio" ist seitdem fester Glaubenslehrsatz der Katholischen Kirche.

Begegnung Annas und Joachims an der Goldenen Pforte (porta aurea)

Nach der Erscheinung des Engels mit seiner frohmachenden Botschaft sowohl bei Joachim in der Wüste  als auch bei Anna daheim, machten sich beide auf den Weg zum gemeinsamen Treffpunkt, der Goldenen Pforte. Diese war auch unter dem Namen „Tor des Erbarmens“ bekannt und war der einzige Zugang vom Kidrontal her an der östlichen Umfassungsmauer des Jerusalemer Tempelareals, der direkt zum Tempelberg führte. Jesus soll ebenfalls, als er zu seinem letzten Passahfest nach Jerusalem kam, durch dieses Tor geritten sein.                                                                                        
An der Nordwand unserer Martinskirche, trotz starker Eingrenzung durch den linksseitigen Schildbogen des Kreuzrippengewölbes, wurde das Bild „Begegnung Annas und Joachims an der Goldenen Pforte“ mit seiner wichtigen Glaubensbedeutung von dem Künstler, den Künstlern, bewusst als erstes Bild ins obere Register gesetzt. Frontal  ausgerichtet und damit gut sichtbar, konnten schon die damaligen Betrachter die Thematik dieses Kunstwerks  in der Neustädter mittelalterlichen Kapelle „Unserer Lieben Frau“ im Aufeinandertreffen von Anna und Joachim an der Goldenen Pforte als Sinnbild der unbefleckten Empfängnis Marias interpretieren.
Die Neustädter Bildlösung zeigt sich in zwei getrennten Bildräumen. Der Landschaftsstreifen mit Grasbüscheln, der Joachim zugeordnet ist, verweist auf seinen Aufenthalt in der Wüste. Das in verschiedenen Rottönen ausgemalte Gebäudeteil, ein Tor, steht für die Stadt Jerusalem und den Zugang zum Tempelareal und ist Anna zugewiesen.
Wir als „Zuschauer“ wohnen genau dem Erzählmoment bei, in dem sich unsere Protagonisten in die Arme fallen wollen. Joachim  benötigt noch einen Schritt um Anna ganz nahe zu sein. Sein rechter Fuß, der bereits begonnen hat sich vom Grasboden abzuheben, sein vorgebeugter Oberkörper, seine weit ausgestreckten Arme, die noch nicht Annas Körper umfassen, beweisen es. Seinen Kopf, auf dem der für ihn typische Hut sitzt - breitkrempig, konisch zulaufend, an der Spitze abgeflacht - trägt er wieder erhoben, seine Gesichtszüge sind entspannt, seine Augen schauen liebevoll auf seine Frau. Auch der ruhige Faltenwurf seiner Kleidung, der Gürtel, den wir zum ersten Mal an seiner Tunika entdecken können, zeigen auf: Hier steht wieder ein Mann, der durch Gottes Gnade zurück zu seiner Mitte gefunden hat und der weiß, dass die Worte des Engels in Erfüllung gehen werden.

Anna, die sicher ungeduldig auf den nun endlich heimkehrenden Mann unter der „Goldenen Pforte“ gewartet hatte, kommt ihm entgegen. Ihr leicht vorgebeugter Körper, ihre nach ihm ausgestreckten Arme, der aufspringende Zipfel ihres Überhangs, der die Vorwärtsbewegung ihres Fußes aufnimmt, zeigt ihre Freude bei Joachims Anblick. Ihr nimbierter Kopf, der sie hier wie auf den vorgehenden Bildern  durch Gebende und Schleier  als verheiratete Frau ausweist, berührt beinahe die Laibung des Torbogens, ein sichtbarer Hinweis des Erbarmen Gottes, unter dem sie steht.
Die Legenda aurea beendet dieses Geschehen in schlichten Worten: … So trafen die beiden einander auf Geheiß des Engels voll Freude über die Erscheinung, die sie beide gehabt hatten, in Zuversicht auf das verheißene Kind, beteten zum Herrn, kehrten nach Hause zurück und erwarteten heiter die Erfüllung der göttlichen Verheißung.