Joachim im Tempel

Mit dem Bild des Monats August steuern wir direkt auf den dramatischsten Wendepunkt im Leben Joachims zu: Er, ein wohlhabender und rechtschaffener Mann, der sich durch seine Großzügigkeit bei Wohltaten und Opfern ausgezeichnet hat, aber durch seine Kinderlosigkeit bereits stigmatisiert, wird aus dem Tempel gewiesen!
Joachim ist wie viele seiner Stammesgenossen zum Fest der Tempelweihe (=Chanukka) nach Jerusalem gekommen. Er möchte im Tempel dem Gebot, das für jeden Juden verpflichtend ist, nachkommen und entsprechend seinem Vermögen, das Gott ihm anvertraut hat, und seiner eigenen Großherzigkeit sein Geldopfer für Ärmere darbringen (Zedaka). Selbst Kinder werden schon frühzeitig angehalten, einige Münzen für Wohltaten abzugeben.

Unser Bild zeigt uns eine rötliche Tempelarchitektur, die perspektivisch weit aus der Bildrahmung  herausragt. Die sechseckige Form des Tempels greift symbolhaft die Allmacht Gottes auf, die hier  herrscht. Wie um dem Betrachter eine bessere Sicht auf das Geschehen im Innern des Gebäudes zu geben, fehlen die vorderen Tempelpfeiler.
Mitten im Tempelinneren steht ein mächtiger Altarblock. Die Altarmensa ist mit einem weißen Tuch, dessen Kanten mit einer schachbrettartigen schwarzweißen Bordüre verziert sind, abgedeckt.
Rund um den Altar sind die Protagonisten dieser Szene angeordnet, die jeweils durch einen Bogen der Tempelarchitektur gerahmt sind. Im Dreiviertelprofil gemalt wenden sich alle, vom Betrachter aus gesehen, nach rechts der Erzählrichtung zu.
In der Mitte, hinter dem Altar, steht der Priester Ruben, ganz in weiß gekleidet. Er überragt die anderen Figuren, wobei die Mitra, die nicht auf seinen Kopf zu passen scheint, ihm noch zusätzlich, seinem Amt entsprechend, Größe verleiht (Bedeutungsperspektive). Unter der Mitra bedeckt ein schulterlanger Schleier seinen Kopf. Seine linke Hand hat fest den rechten Arm Joachims gepackt, der links neben ihm steht, um ihn aus dem Tempel zu drängen. Joachim, erkennbar an seinem für ihn charakteristischen Hut (siehe Beschreibung Bild 1) ist bereits im Begriff, den Tempel zu verlassen. Die Schuhspitze  seines linken Stiefels zeigt Richtung Ausgang. Gedemütigt wegen seiner Kinderlosigkeit, vor allen ausgegrenzt, verraten die gramgebeugte Körperhaltung und die demütig vor der Brust gefalteten Händen seine tiefe Verzweiflung. Achtlos liegen seine Schekel (Tempelwährung) auf der Altarmensa verstreut, wie wenn der Priester sie noch unwillig mit seiner rechten Hand weggewischt hätte, die jetzt zum Ausgang weist.
Folgendes steht in der Legenda aurea geschrieben:
"….trat Joachim mit den andern vor den Altar und wollte sein Opfer darbringen. Aber da ihn der Priester sah, stieß er ihn mit großem Zorn hinweg und schalt ihn, dass er es wage, an den Altar des Herrn zu treten; denn es sei nicht ziemlich, dass er dem Herrn des Gesetzes seine Opfer bringe, der dem Fluch des Gesetzes sei verfallen; wie dürfe der Unfruchtbare unter den Fruchtbaren stehen, der das Volk Gottes nicht hätte gemehrt."
Und nun wird dem Unfruchtbaren, dem von Gott Verstoßenen, noch einmal, wie im vorangegangenen Bild unseres Zyklus, sein Anderssein, sein Elend deutlich vor Augen geführt. Auf der linken Bildseite sehen wir ihn, den jüdische Familienvater, den fruchtbaren und von Gott gesegneten Menschen! Seinen rechten Arm hat er um sein ihn begleitendes Kind gelegt. Ähnlich gewandet wie Joachim, auf dem Kopf den gehörnten Hut (pileum cornutum), der ihn als Jude ausweist, ist er ganz dicht an die rechte Seite des Priesters gestellt worden, während Joachim im Vergleich dazu durch dessen Arm auf Abstand gehalten wird. Konzentriert beobachtet er das Geschehen. Das Kind, gekleidet in einen in Grüntönen abgestuftes Hemd, die Taille gegürtet wie sein Vater, hält seinen Blick fest auf die einzelne Münze, die direkt vor ihm an der Ecke der Altarmensa liegt, gerichtet. Von der Hand seines gebeugten rechten Armes über den kleinen Zeigefinger der linken Hand, der auch auf die einzelne  Münze zeigt, führt eine unsichtbare Linie direkt zu den Münzen, die noch von der linken Hand des Vaters bedeckt werden. Vater und Sohn sind sich sicher, dass ihr Opfer willkommen ist, wenn der Priester sich ihnen zuwenden wird.