Die Geburt Marias

Das Fest der Geburt Marias wird im Kirchenjahr der römisch-katholischen Kirche, der orthodoxen Kirchen und der anglikanischen Kirche am 8. September gefeiert. Das Datum dieses Festes ist historisch nicht gesichert. Aus diesem festgesetzten Datum wird nun abgeleitet, dass Maria, neun Monate zurückgerechnet, am 8. Dezember gezeugt wurde. Dieser Tag wird als „Maria Empfängnis“ gefeiert.  
Festgottesdienste zur Geburt Marias entwickeln sich Ende des 5. Jahrhunderts aus dem Weihefest der heutigen St.-Anna-Kirche in Jerusalem, die bei der Stelle errichtet ist, die von alters her als das Zuhause der Eltern Joachim und Anna gesehen wird und damit auch der Geburtsort Marias sein soll.
Die Freude über die Geburt Marias, der zukünftigen Gottesgebärerin (theotokos) und Himmelskönigin, intensiviert sich durch die Jahrhunderte und hinterlässt vielseitige Spuren in Kunst und Literatur. Johannes von Damaskus (zwischen 650 und 670 – 754), ein berühmter Theologe und Kirchenvater, schreibt:
Du glückliches Paar Joachim und Anna, die ganze Schöpfung ist euch verpflichtet. Denn durch euch hat sie dem Schöpfer das vorzüglichste aller Geschenke zugeführt, die heilige Mutter, die allein ihres Schöpfers würdig war.
In einem Marienlied aus dem Mittelalter dichtet ein unbekannter Verfasser:
Gruß dir, Tag der Freude neuet,
Da die ganze Welt sich freuet
Und in Freude neu auflebt!
Neu ein Licht im Ost entspringend,
Von der Erde auf sich schwingend
Mondgleich sich Maria hebt.
Jubel dir die Himmel singen,
Willkommgruß die Menschen bringen,
Maid von Gottes Hauch umschwebt.

Bild des Monats Dezember

Mit der Geburt der kleinen Maria beginnt auch in unserer Neustädter Martinskirche ein neuer Abschnitt innerhalb des marianischen Bilderzyklus. Unser Blick wendet sich langsam weg von den Eltern Anna und Joachim und hin zu Maria, die wir von nun an auf ihren Lebensstationen begleiten.
Von Gott erwählt, hineingeboren in eine wohlhabende Familie als größtes Glück ihrer Eltern, wird sie, eingehüllt von Liebe und Fürsorge, ihre ersten Lebensjahre wohlbehütet verbringen.

Geburt Marias

Geburt Marias

In der rechten Fensterlaibung des Nordfensters im oberen Register, direkt gegenüber der Ankündigungsszene der Geburt Marias durch einen Engel in der linken Laibung, befindet sich das Wandbild mit der Geburt Marias. Die Frage stellt sich, warum wurde ein Bild mit einem Bildmotiv, das Abertausende Menschen kennen und bis heute bewegt, das in der Glaubenswelt des Mittelalters und in der damaligen christlichen Kunst von zentralster Bedeutung war und das von vielen Künstlern über Ländergrenzen hinweg auf vielfältige Weise dargestellt wurde, warum also befindet sich dieses Bild in einer Fensterlaibung? Aus Platzgründen? Um wieder zur  Erzählfolge zurückzukehren? Weil das Nordfenster unseres Chores in Wirklichkeit Richtung Osten zeigt und der damit verbundene Lichteinfall das Bildmotiv ins „rechte Licht“ rückt? Oder weil diagonal zur Geburt Marias im unteren Register der linken Fensterlaibung als direkter Vergleich die Geburt Jesu im Stall zu Bethlehem zu sehen ist?

Geburt Marias

Geburt Jesu

Die Neustädter Bildkomposition der „Geburt Marias“ verstärkt ihre berührende Wirkung durch ihre Konzentration auf das Wesentlichste, nämlich auf die Personen, die bei einer Geburt die Hauptrollen spielen: die Gebärende, Anna, das Geborene, die kleine Maria, und die Geburtshelferin, die Hebamme. Kein Ehemann, kein geschäftiges Treiben helfender Frauen, wie es im Mittelalter üblich war, stört die Intimität dieser Dreiergruppe. Die Geburt ist vorbei, Mutter und Kind sind wohlauf. Dankbare Ruhe und stille Freude  liegen über der Wochenstube.
Ein übermäßig großes Bett, eines der wertvollsten Möbelstücke im Mittelalter, steht schräg in dem angedeuteten Raum, der wie immer von allen Seiten einsehbar ist, und beherrscht die halbe Bildfläche. Ein Baldachin über dem Bett in Form eines Giebeldachs und einer abschließenden Reihung von sechs Blendbögen als Ziermotiv  bietet Schutz vor Kälte und Ungeziefer und unterstreicht vor allem den sakralen Charakter des Bildes. Die Zahl 6, gegeben durch die sechs Blendbögen, bedeutet in der Zahlenmystik als die Hälfte von 12 die irdische Vollkommenheit. Weiterhin besteht die Sechs aus 1+2+3. Die Zahl 1 als Unteilbare steht für die Göttlichkeit, die 2 für die Vereinigung von Gegensätzen, also für Mann und Frau, für Erneuerung und  Fortpflanzung und für vieles mehr. Die Zahl 3 als die Summe von 1und 2 steht für das Himmlische (Trinität), aber auch für die erfahrbare Erfüllung von Mann und Frau im Kind.  
Deshalb gehört dieses „Himmelbett“ natürlich auch zu einer ganz besonderen Frau, der Heiligen Anna. Ihr nimbierter Kopf ruht auf mehreren Kissen, die gleichzeitig ihren Oberkörper stützen. So liegt sie, halb aufrecht gebettet genau in der Position, in der die Menschen des Mittelalters normalerweise schliefen. Ihr schmaler Körper, der sich unter der Zudecke abzeichnet, ist  ganz an die rechte Bettkante gerückt. Ihr rechter, leicht angewinkelter Unterarm ruht entspannt auf der Zudecke über ihren Oberschenkeln, während ihre linke Hand, der zentrale Mittelpunkt unseres Bildes, auf den freien Platz neben ihr deutet. Er ist ab jetzt für die kleine Maria bestimmt.
Direkt vor der linken Bettkante steht die Hebamme. Ihre einfache Kleidung, ein hemdartiges naturfarbenes Obergewand, das durch einen Gürtel gehalten wird und das schalartige Tuch (Wimpel), das eng um Hals, Kopf und Nacken gewickelt ist, erzählt von ihrer Zugehörigkeit als arbeitende Frau zu einem niedrigen Stand. Noch hält sie Maria sicher und behutsam zwischen ihren Händen, aber ihr vorgebeugter Oberkörper zeigt, dass sie das Neugeborene gleich neben seine Mutter legen wird.
Im Mittelalter werden Kinder in der Kunst oft in Ausdruck, Körperhaltung und Muskulatur ähnlich wie Erwachsene gemalt, nur kleiner. Marias Körper, für einen Säugling viel zu ausgereift und viel zu groß gemalt (Bedeutungsperspektive), weist auf ihre wichtige Rolle hin, die sie im Christentum spielen wird. Frei von der Erbsünde, symbolisiert durch ihre Nacktheit, mit blonden Haaren, die ihre innere Reinheit, ihre Makellosigkeit und das göttliche Licht, das auf ihr liegt, aufzeigen, einem nimbierten Kopf, der für ihre Heiligkeit steht, erwidert sie das lächelnde Gesicht der Hebamme ebenfalls mit einem Lächeln. Ihre nach oben geöffnete linke Hand deutet an, dass sie nicht nur das Wichtigste durch Gott empfangen hat, nämlich Liebe und Leben, sondern zeigt auch ihre Bereitschaft, den Worten und den zukünftigen Aufgaben, die Gott für sie bereithält, zu gehorchen.
Im Protevangelium des Jakobus lesen wir zu dieser Geburtsszene: …
Im neunten Monat gebar Anna,
und sie sprach zu der Hebamme: "Was habe ich geboren?"
Und die Hebamme sagte: "Ein Mädchen."
Da sprach Anna: "Es preist meine Seele diesen Tag."
Und sie legte es nieder.