Bild des Monats Februar 2021: Mariä Tempelgang

Die katholischen Kirche begeht am 21. November einen Mariengedenktag, der sich auf das Protevangelium des Jakobus stützt: „Mariä Tempelgang“, auch „Mariä Opferung“, „Darstellung Mariens im Tempel“ oder „Unsere Liebe Frau in Jerusalem“ (Die Neustädter Martinskirche war einst „Unserer Lieben Frau“ geweiht!) genannt. Zunächst ab dem 14. Jahrhundert als Fest gefeiert, wurde dieser Tag nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil zum Gedenktag Unserer Lieben Frau in Jerusalem herabgestuft. Datum und Namen sollen an den Ursprung des Festes erinnern, an die Weihe der Kirche "Sancta Maria Nova" in Jerusalem am 21. November 543 unter Kaiser Justinian.

Mariä Tempelgang

Wer die Martinskirche betritt, sich im Kirchenschiff auf die Bänke der Kanzelseite setzt und durch den romanischen Chorbogen schaut, hat bereits von dort aus beste Sicht auf das Wandbild „Mariä Tempelgang“, das sich zwischen dem linksseitig angeschnitten Schildbogen des Kreuzrippengewölbes und dem Ostfenster im ersten Register an der Ostwand des Chores befindet.

Maria ist drei Jahre alt geworden und mit diesem Geburtstag ist die Zeit für Anna und Joachim gekommen, sich von ihrer Tochter zu verabschieden und ihr Versprechen, das sie Gott gegeben hatten, einzulösen. Von nun an wird sich Marias Zuhause im Tempel befinden, wo sie unter dem Schutz Gottes und der Heiligkeit des Ortes heranwachsen und zum Tempeldienst ausgebildet werden wird.
Dicht gedrängt, vom linksseitigen Schildbogen noch zusätzlich beengt, nimmt eine 4 köpfige Personengruppe zwei Drittel der Bildfläche ein: Joachim und Anna und zwei weitere Begleitpersonen stehen nebeneinander aufgereiht vor dem Eingang zum Tempel, der, am rechten Rand platziert, das letzte Flächendrittel einnimmt und dabei noch zusätzlich den blauen Binnenrahmen sprengt. In rötlicher Farbe gehalten ist er als Rundbau gestaltet und mit einem Kegeldach versehen, das durch einen Dachschmuck abgeschlossen wird. Das Marienkind steht schon auf der obersten Treppenstufe. Die Hände Annas, die ihre Tochter berühren, sind das letzte Bindeglied zwischen Mutter und Tochter, zwischen Personengruppe und Maria, die nur noch einen Schritt gehen muss, um ins Innere des Tempels zu gelangen.
Mit leicht nach vorn geneigten Oberkörpern passt sich die Personengruppe der Schräge der Außenrahmung an, die durch den linksseitig angeschnittenen Schildbogen vorgegeben ist. Auf diese Weise können sie die Geschehnisse um die kleine Maria herum besser verfolgen. Nur eine junge Frau hat ihren Blick in eine andere Richtung gelenkt. Sie steht ganz vorne, eingezwängt zwischen Joachim und Außenrahmung, hinter der sie mit leicht verdeckter rechter Gesichtshälfte den Bildbetrachter direkt anschaut. Mit ihren blonden, unbedeckten Haaren, ihren weichen Gesichtszügen, ihrem auffälligen zweifarbigen Umhang in Grün, die Farbe der Jugendlichkeit, der Liebe und der Hoffnung, und auf der Innenseite in Goldgelb, symbolhaft für die Sonne und die Göttlichkeit, der in großem Schwung um den Körper gelegt ist und den sie mit ihrer rechten Hand festhält, ist sie eine auffallende Erscheinung.

Joachim, wie immer mit Bart, der für sein Alter aber auch für seine alttestamentliche Gesetzestreue steht, mit seinen für ihn typischen Hut auf dem Kopf, wirkt mit seinem lächelnden Gesichtsausdruck auf diesem Bild erstaunlich jugendlich. Die Farbe Hellblau, in die der Stoff seiner Tunika eingefärbt ist, findet sich sowohl in der Kleidung der kleinen Maria wieder als auch in der Innenrahmung unseres Bildes. Blau wird dem Himmel zugeordnet der Reinheit, Wahrheit und Treue. Diese Wesensmerkmale hat der unbekannte Künstler sowohl Joachim als auch der kleinen Maria zugeordnet. Joachims leicht rötlich-violetter Umhang klafft unter seiner erhobenen linken Hand ein Stück auf, sodass wir auf der Innenseite die Farbe Grün erkennen. Joachim (=den Gott aufrichtet) ist erfüllt von der Liebe zu Gott und zu seiner Familie. Hat Gott nicht alle seine Hoffnungen erfüllt und ihm eine Tochter geschenkt, deren Sohn einst der zukünftiger Erlöser sein wird? Da kann er seine Tochter loslassen und Gott „opfern“. Selbst seine über der Taille erhobenen Hände signalisieren Zustimmung zu Gottes Plan.

Seine linke Hand hält sogar ein zusätzliches Opfer hoch: Zwei Turteltauben in einem kleinen Körbchen.
Kurz nach Marias Tempelgang soll Joachim in Jerusalem verstorben sein.
Zwischen Joachim und Anna hat eine Person ihren Kopf von hinten durchgeschoben: unbedeckte helle Haare, kräftiges Gesicht. Kleiner als Joachim und Anna, die als Eltern der kleinen Maria von größter Bedeutung sind und deren Wichtigkeit durch Hut und Nimbus noch zusätzlich hervorgehoben wird, deckt sich ihre Scheitelhöhe mit der der jungen Frau im Vordergrund, ein Zeichen ihrer geringeren Wichtigkeit.

Unsere ganze Aufmerksamkeit gilt nun Anna und ihrer Tochter Maria. Anna, wie gewohnt mit nimbiertem Hinterkopf, die Haare unter Gebende und Schleier versteckt, trägt eine grüne Tunika unter ihrem Umhang. Der Abschied fällt ihr schwer, ihr Gesicht ist traurig. Drei Jahre hat sie alles für ihre innig geliebte Tochter getan, sie umsorgt, sie gepflegt, sie getröstet und sie auf ihre zukünftigen Aufgaben vorbereitet. Nun muss sie sich verabschieden, anderen die Fürsorge und Erziehung überlassen. Doch Anna zeigt sich tapfer. Mit ihrer rechten Hand ergreift sie den rechten Arm ihrer Tochter, während ihre linke Hand deren Rücken einen aufmunternden Schubs gibt.

Maria ist schon die drei Stufen zum Tempel hinaufgestiegen, bleibt aber vor dem geöffneten Eingang stehen. Dieser zeigt sich mit einem Rundbogen ausgestattet und zieht den Blick des Betrachters in das dunkle Tempelinnere. Eine Hängeleuchte (Ampel) spendet ein wenig Licht, rechtsseitig ist der Ausschnitt eines  Altars zu sehen.        
Die dreijährige Maria ist auf unserem Wandbild bereits als junges Mädchen dargestellt. Wir wissen, dass das Mittelalter Kinder als kleine Erwachsene malt und die heilige Maria in ihrer Entwicklung mit „normalen“ Kindern nicht vergleichbar sein soll. Ihre Schönheit nimmt uns gefangen: die großen Augen, die schon mit dem Tempelinneren Blickkontakt aufgenommen haben, der weich geschwungene Mund, die  offen getragenen  goldblonden Haare, der Nimbus, der ihre Kopfform betont, und die Zartgliedrigkeit ihrer Figur, die durch die S-förmige Linienführung hervorgehoben wird. Demütig verschränkt sie ihre Hände vor ihrem Körper, der in ein leuchtend blaues Gewand gehüllt ist – in die Farbe der zukünftigen Himmelskönigin.