Bild des Monats Januar - Bad für Maria

In unserer Martinskirche in Neustadt folgt das Wandbild des Monats Januar „Bad für Maria“  seinen eigenen Regeln. Obwohl es nur ein Teilmotiv darstellt und eigentlich zusammen mit der Geburtsszene eine Einheit bilden sollte, wurde es so angelegt, dass es für sich als eigenständige Bildkomposition bestehen kann. Es nimmt sogar einen Hauptplatz an der Nordwand im oberen Register zwischen Nordfenster und dem von rechts angeschnittenen Schildbogen des Kreuzrippengewölbes ein.

Die mit Rundbögen versehene, baldachinartige Architekturkulisse, die auf die sakrale Handlung hinweist, ist, wie wir es schon gewohnt sind, nach allen Seiten geöffnet, so dass wir als Betrachter des Bildes am Geschehen teilnehmen können. Wir können uns gut vorstellen, wie wir linkerhand die Wöchnerinnenstube, die auf dem vorangestellten Bild „Marias Geburt“ zu erkennen war, verlassen und durch eine imaginäre Türöffnung in einen sich anschließenden Raum wechseln, um zuzusehen, wie die heilige kleine Maria gebadet wird.
Dass das Mittelalter meistens nur mit der Bedeutungsperspektive arbeitete, zeigt sich auch auf diesem Wandbild. Wichtig sind das Bildthema und die Protagonisten, die in der vorderen Ebene des Bildes  auftreten. Die Gebäudemalerei oder auch die Andeutungen von Landschaftsausschnitten dienten der Verortung des Bildgeschehens.
In Neustadt wurden die Vorzeichnungen mit deutlich sichtbaren rötlichen Konturlinien ausgeführt, die, auch wenn sie nicht immer richtig gesetzt waren, nicht korrigiert wurden. Die Gebäudekulisse ist zu klein konzipiert für unsere Protagonisten.

Die rechte Abschlusskante des Dachaufsatzes hält sich nicht  an die Begrenzung durch den inneren Bildrahmen, sondern ist durchgezogen bis zum Bollenfries des Schildbogens.

Der mittlere Holzpfeiler soll zwar die Last des Dachaufsatzes mittragen, ist aber nicht verzapft. 

Lenken wir nun unsere Aufmerksamkeit dem Bildgeschehen zu.
Direkt vor der Gebäudekulisse findet die Badeszene auf einer Wiese mit vielen Grasbüscheln statt. Sofort stellt sich die Frage: Kann ein für das Christentum so wichtiges Neugeborene gleich der Witterung ausgesetzt werden? Die beruhigende Antwort findet sich in der Erklärung der Bildsprache. Grünes, frisches Gras steht für die Güte Gottes, die den Mensch aufblühen lässt wie sprießendes Gras. „Das Weiden auf grünen Auen“ (Ps. 23,2) mit Gott als Hirten ist der Inbegriff für ein geglücktes Leben.
Ein großer runder hölzerner Badezuber (Zuber von ahd. zwi-bar = Zweiträger), dessen Dauben gut erkennbar sind samt den Holzreifen, die ihn zusammenhalten, ist vor das  Gebäude mitten ins Gras gestellt worden und wird für das erste Bad der kleinen Maria vorbereitet. Eine junge Magd steht, vom Betrachter her gesehen, links neben dem Zuber und ist gerade dabei, diesen mit warmen Wasser aus einem Krug aufzufüllen. Der prüfende Blick der Hebamme, die ihr gegenüber in einer Hocke sitzt, begleitet ihr Tun.

Sie trägt eine schöne grüne Tunika, deren Stoff mehrschichtig aufgebaut ist. Zuerst wurden die Konturlinien mit einem hellen Grünton ausgemalt, dann folgte eine mittelgrüne Farbschicht und zum Schluss wurde noch eine dunkle Farbschicht aufgetragen.

Ihr blondes, aufgestecktes Haar ist unbedeckt und zeigt uns damit, dass sie unverheiratet ist. In ihrem Haar trägt sie einen Kranz aus Blättern, der symbolisch für ihre Jungfräulichkeit steht. Nichts Unreines darf die Heiligkeit der kleinen Maria beflecken.

Im Baden der kleinen Maria liegt ein doppeldeutiger Sinn. Da wäre zunächst der praktische Teil, der ebenfalls neben der Betreuung der Wöchnerin zu den Aufgaben einer Hebamme im Mittelalter gehörte: die Säuglingspflege mit dem ersten Bad für das Neugeborene. Deshalb wurde sie auch „bademuoter“ oder „bademome“ genannt. Die Empfehlungen mittelalterlicher Ärzte, die in unseren Ohren ganz modern klingen, lauteten, den Säugling gleich nach der Geburt und auch während des Heranwachsens häufig im warmen Wasser zu baden, bei Mädchen solle das Badewasser sogar wärmer sein als bei Jungen.

Die Hebamme auf unserem Bild übt ihre Tätigkeit mit großer Sorgfalt aus. Sie allein trägt jetzt die Verantwortung für das heilige Kind. Deshalb, wie schon vorher erwähnt, beobachtet sie mit scharfen Augen das Füllen des Zubers mit Wasser. Hat das Wasser auch die richtige Temperatur? Während ihre rechte Hand dies überprüft, hält ihr linker Arm die kleine Maria sicher und geborgen auf ihrem Schoß fest.

Ihre Kleidung wirkt unverändert wie in der Geburtsszene, schlichte naturfarbene Tunika und als Kopfdeckung einen Wimpel. Dennoch, gibt es kleine Veränderungen. Der Wimpel, der um Kopf und Nacken fest gebunden ist, wurde durch eine Kräuselung der Längskante des Leinenstoffs, Kruseler genannt, verschönt.  An den Ärmelenden und am Faltenwurf des Kleidersaums blitzt blaue Farbe auf. Im Prinzip nichts Ungewöhnliches, denn im Mittelalter wurde ein Kleidungsstück oft mit einem andersfarbigen Stoff unterfüttert. Doch die Farbe Blau zeigt das Himmlische auf und gehört zu Maria, der Mittlerin zwischen Himmel und Erde. 

Bevor wir uns aber zu einem späteren Zeitpunkt mit Maria als der Mutter Jesus, als Mittlerin und Himmelskönigin beschäftigen, lenken wir wieder unser Augenmerk auf die Maria, die wir auf unserem Bild sehen: Maria als Neugeborene. Sie sitzt in freier, leicht vorgebeugter Haltung auf dem Schoß der Hebamme. Ihre Augen sind interessiert auf den Badezuber gerichtet und ihre Ärmchen hält sie in Vorfreude auf das Gebadetwerden weit von sich gestreckt. Ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten sind bereits von Geburt an bedeutend weiter entwickelt als die von anderen Säuglingen. Das Protevangelium des Jacobus berichtet über  ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten, die schon während ihrer Kindheit sichtbar wurden. Diese Beschreibungen waren im Mittelalter ein oft genutztes Mittel, die Marienverehrung zu vertiefen.
Das Baden, das Eintauchen in Wasser als Urelement und gleichzeitiges Werk Gottes, als Lebensquelle für den Menschen, spielt in allen Religionen eine wichtige Rolle. Es verleiht allem Starren, Festgewordenen eine neue Lebendigkeit wie auch der Gottessohn, den Maria gebären wird, dem Glauben neue Lebendigkeit verleihen wird.