Bild des Monats Juli 2020 - Der kinderlose Joachim und eine jüdische Familie

 

Die Bildsprache und die Lebenswelten des Mittelalters sind dem modernen Menschen meistens nicht mehr geläufig. Sowohl die verlorengegangene Fähigkeit des „fließenden Lesens“ eines Bildes als auch der spezifische Blick des Künstlers oder des Auftraggebers (Kirche) auf die soziokulturellen Gesichtspunkte der mittelalterlichen Gesellschaft und ihrer Wertevorstellung erschweren das Erfassen der Bedeutung einzelner Bildwerke.
Das Bild des Monats Juli mit der Untertitelung „Der kinderlose Joachim und eine jüdische Familie“ führt die Betrachtung aus dem Juni fort: Die zwanzigjährige Ehe von Anna und Joachim bleibt kinderlos.

Die Bildszene spielt im Freien, in der Öffentlichkeit. Im Vordergrund über die ganze Bildbreite hinweg steht eine glückliche, erfolgreiche Familie auf fruchtbarem Boden (die Grashalme sind auf dem Originalbild im Chor der Martinskirche deutlich zu erkennen): Eltern, die stolz ihre drei Kinder präsentieren. Die jüngsten werden von Mutter und Vater liebevoll bei ihrer rechten Hand gehalten und ins Leben geführt. Das älteste Kind, ein Sohn, schon ganz das Abbild seines Vaters, hält  seinen Blick auf seine Eltern gerichtet und  beendet als letztes die Familienaufstellung.
Genau in der Bildmitte, an zentralster Stelle, steht er, der erfolgreiche Familienvater: aufrecht, auf dem Kopf den Hut (pileum cornutum = der gehörnte Hut), der ihn sichtbar als Jude kennzeichnet und gleichzeitig dank der Hutspitze an Größe gewinnen lässt, offener Blick, bartlos. Stolz dreht er dem Betrachter die Innenseite seiner rechten Hand, der Zeigehand, zu, kleiner Finger, Ring-und Mittelfinger sind nach innen gebogen. Er zeigt die Zahl drei. Drei Kinder bereichern seine Familie. Er ist ein gesegneter Mann!
Er geht mit der Zeit! Sein Untergewand ist nur noch knöchellang und deutet den kommenden Modetrend des Mannes an - kürzere Oberkleidung, hinaufrutschende Säume der Unterkleider. Locker hängt der Mantelumhang über seinen Schultern. Die Vollständigkeit seiner Kleidung betont ein Gürtel, den er zentral um die Leibesmitte, die gleichzeitig Bildmitte ist, geschlungen hat. Der Gürtel, im Mittelalter ein Symbol für Kraft und eheliche Treue, scheint  Kleidung und Leben zusammenzuhalten. An seinen Füßen trägt er Stiefel, die aus Leder genäht sind.
Dieses Ehepaar zeigt ein ganz anderes Verhalten als Anna und Joachim: Ihre Gesichter sind nicht niedergeschlagen, sondern man blickt sich gegenseitig achtungsvoll an. Sie steht an der rechten Seite ihres Mannes. Kopf und Blick sind ganz leicht gesenkt, so wie es schicklich ist. Ihre gerade Körperhaltung und ihre rechte Hand, die selbstbewusst den Schleier, der Haare und die halbe Stirn verdeckt, anfasst und sie als verheiratete Frau ausweist, zeigen deutlich, dass sie sich ihres Wertes bewusst ist.
Kinder werden im Mittelalter in drei Lebensphasen eingeteilt:
Infantia (Kindheit), Pueritia (Pubertät) und Adoloscentia (Erwachsene). Alle drei Kinder unserer jüdischen Familie stecken in Kittelchen und sind barfuß. Sie befinden sich noch in ihrer ersten Lebensphase. Allerdings trägt das älteste Kind, der Sohn, bereits den Judenhut, ein Symbol nicht nur seiner Religionszugehörigkeit, sondern auch für den Übergang zu seiner zweiten Lebensphase, der Puertia.
Ganz anders ist die Situation bei Joachim: Zur linken Seite geschoben, in den Hintergrund gestellt, steht er barhäuptig mit niedergeschlagenen Augen und gesenktem Blick. Kein Hut, kein Umhang, kein Gürtel. Nur eine einfache Tunika trägt er auf dem Leib. Wie nackt fühlt er sich, bloßgestellt, statt einer Kopfbedeckung lastet tiefe Scham auf seinem Haupt, auf seiner Person. Dabei hat er doch alles richtig gemacht! Almosen mehr als vorgeschrieben gegeben, im Tempel reichlich geopfert, selbst Haare und Bart trägt er wie das Gesetz des Herrn fordert. Es schmerzt, ausgegrenzt zu sein in einer Gesellschaft, in der Fruchtbarkeit eine zentrale Bedeutung hat für das Weiterleben  in kommenden Generationen, in der Kinder wie ein Lebensgewand sind, ein sichtbares Zeichen des Segen Gottes! Welche Schuld hat er auf sich geladen, dass Gott ihn so furchtbar straft?