Anna und Joachim, Marias Eltern

Jeden Monat wird ein Bild aus dem reichen Schatz an Wandmalereien der Martinskirche ausführlich erläutert. Einige allgemeinde Infos haben wir für Sie unter 'Martinskirche' zusammengestellt.

An der Westwand des Chores beginnen die Bildfolgen des Marienlebens. Angeordnet in drei Reihen werden sie zusammen mit einer 180 Grad - Rechtsdrehung von links nach rechts „gelesen“. Wie jede Familiengeschichte ihren Anfang mit den Eltern nimmt, so werden auch dem Betrachter im oberen Register gleich im ersten Bild Marias Eltern vorgestellt: Anna und Joachim.

Anna und Joachim

Anna und Joachim

Anna und Joachim, Marias Eltern

Auf einer kleinen Bildfläche, die links oben von einem der Schildbögen des Kreuzrippengewölbes angeschnitten ist, stehen sich Anna und Joachim gegenüber. Sie befinden sich in einem Gebäude, das nach allen Seiten geöffnet ist und dessen Decke sich wie ein Baldachin über den ganzen Raum spannt.
Beide Protagonisten zeigen sich im 3/4 Profil, ihre schlanken Figuren sind in bodenlange Gewänder gehüllt. Anna trägt über ihrem in blaugrün gehaltenen Untergewand einen hellen Umhang. Sie hält ihren rechten Arm wie schützend vor ihren Bauch. Das leicht gesenkte Gesicht, zart schattiert und mit feinen Konturlinien beinahe nur angedeutet, der Blick ins Leere gehend, drückt tiefe Traurigkeit aus. Ihre Haare sind durch einen vierzipfligen Schleier vollkommen bedeckt – das Zeichen einer verheirateten Frau. Der Nimbus hinter ihrem Kopf und ihre Kleidung charakterisieren sie durch die ganzen Bildfolgen hinweg.
Joachims Untergewand ist blau, der Mantelumhang zeigt, stark verblasst, eine leicht rötlich-violette Farbe. Seine großen, weit geöffneten Augen schauen Anna direkt an. Anklagend? Ratlos? Verzweifelt?
Die Gesichter der männlichen Figuren, so auch Joachims, werden in den Bildfolgen aufwendiger angelegt. Mit roten Linien vorgezeichnet, wurde die Gesichtsfläche mit Bleiweiß ausgefüllt und Schattierungen um Nase, Mund und Augen sowie Bärte und Haare mit einem gelben Ocker modelliert. Das Attribut eines breitkrempigen Huts, der konisch zuläuft und an der Spitze abgeflacht ist, wird zum Kennzeichen Joachims.
Marias Lebensgeschichte beginnt:
In den apokryphen Evangelien wird beschrieben, dass einst in Jerusalem ein Mann lebte, der aus dem Stamme Juda war und Joachim hieß. Da er fleißig war und sich nur um seine Schafe kümmerte, wurde er mit der Zeit zu einem wohlhabenden Mann. Großzügig teilte er sein Einkommen mit den Armen, Witwen und Waisen, lebte in Ehrfurcht vor Gott, opferte viel und behielt nur ein Drittel für sich.
Sein allergrößter Kummer war, dass seine zwanzigjährige Ehe mit Anna, die ebenfalls aus dem Stamm Juda war, kinderlos blieb. Kinderlosigkeit wurde zur damaligen Zeit als Strafe Gottes angesehen.