Bild des Monats Oktober

Indem wir als Betrachter nicht vergessen, dass im Mittelalter die meisten Menschen des Lesens unkundig waren und deswegen christliche Kunst verpflichtende Aussagekraft beinhaltete, verlassen wir die ausdrucksstarken Bildszenen an der Westwand des Chores über die einschneidenden Geschehnisse im Leben  unseres Protagonisten Joachim, dem zukünftigen Vater Marias, und  wenden uns der Nordwand zu. Wir überspringen dabei zunächst das erste Bild im ersten Register, das eines der wichtigsten Themen im gemeinsamen Leben von Anna und Joachim wiedergibt, und beschäftigen uns zuerst, der chronologischen Erzählfolge nachgehend, mit der „Verkündigung an Anna“. Das Bild befindet sich in der linken Fensterlaibung des Nordfensters. 

Verkündigung an Anna

Als Joachim von seinem Tempelgang nicht mehr zu Anna nach Hause kommt und sie nicht weiß, was mit ihm geschehen ist, verfällt sie in tiefste Traurigkeit und Verzweiflung. Gebrandmarkt wegen ihrer Kinderlosigkeit, überwältigt von dem Gefühl  des Verlassenseins, greift sie zu dem einzigen Rettungsanker, der ihr noch geblieben ist, dem Gebet. "Ich will bejammern meine Witwenschaft und ich will bejammern meine Kinderlosigkeit", hören wir sie im Protevangelium des Jakobus klagen und sie fährt fort in ihrem Klagelied: „ Wehe mir, wer hat mich gezeugt? Wehe mir, wem wurde ich gleich?“ Sie fühlt sich verflucht, geschmäht, verspottet, weniger wert als alle Lebewesen der Erde, die Nachkommenschaft hervorbringen, und selbst die Erde bringt noch Frucht hervor!
In diesem Gefühl der eigenen Wertlosigkeit, des Ausgestoßenseins von dem, was ihrem Leben Sinn geben würde, greift Gott endlich ein und lässt ihr durch einen Engel verkünden: … "Anna, Anna, erhört hat Gott der Herr deine Bitte. Du wirst empfangen und gebären, und man wird von deiner Nachkommenschaft reden auf dem ganzen Erdkreis."  Und in der Legenda aurea lesen wir noch eine zusätzliche Anweisung des göttlichen Boten: … wobei er hinzufügte, dass sie zum Zeichen nach Jerusalem zur Goldenen Pforte gehen solle und dort auf ihren Mann auf der Heimkehr treffe.
Auf unserem Wandbild erkennen wir eine rötlich erkergleiche Raumarchitektur, die durch ihre frontale rundbogige Schauöffnung den Betrachter direkt ins Geschehen miteinbezieht. Drei bogenförmige Öffnungen gestalten den Raum durchlässig, im übertragenen Sinn auch durchlässig für Gedanken, Klagen und Botschaften.
Als Einzelfigur, die ungefähr zwei Drittel der Bildhöhe einnimmt, sitzt unsere Protagonistin Anna, umrahmt von der mittleren Bogenöffnung, leicht in sich zusammengesunken, im Zentrum des Bildes auf einer Bank. Ihre vom Kleiderstoff umhüllten Füße ruhen auf einer vor die Bank gemalten Stufe. Diese erleichtert nicht nur das Platznehmen, sondern sie erhöht auch die Bank zu einem Thron und lässt dadurch Anna an Bedeutung gewinnen. Über ihrem nimbierten Kopf spannt sich eine goldfarbene Decke, die an die immerwährende Gegenwart Gottes erinnert. Ihre rechte Hand (nur noch undeutlich zu erkennen) ruht auf einer aufgeschlagenen Bibel, auf deren Seiten noch schemenhaft Schriftzeichen zu erkennen sind. Die Bibel liegt auf einem Lesepult, das rechtsseitig der Bank platziert ist. Ihr leicht zur linken Seite geneigter Kopf ist am Kinn mit einem Gebende (auf diesem Bild dank besseren Erhaltungszustands deutlich sichtbar) umwickelt, an dem ihr Schleier befestigt ist.
Der nimbierte, blondhaarige (blond = Licht) Verkündigungsengel, dem wir schon in der Bildszene „Joachim bei den Hirten“ begegnet sind, schwebt hier genau seitenverkehrt in die linke obere Bildecke. Seine rechte Hand ist zum Gruß erhoben, seine linke Hand hält ein geschwungenes Spruchband, das Anna an ihrer rechten Schulter berührt. Seinem lächelnden Mund, seinen mild schauenden Augen ist deutlich die Freude über seine frohmachende Botschaft anzusehen, die er Anna überbringen darf. Ob Anna ihn verstanden hat, da sie ihre Augen geschlossen hält? Auf dem kompositorischen Mittelpunkt des Bildes, dem gemeinsamen Schnittpunkt von Mittelsenkrechten und Diagonalen auf Annas linker Hand, wird ihre Antwort angezeigt. Indem sie die Innenseite dieser geöffneten Hand weit über ihre Taillenhöhe in Richtung Engel hält, können wir ihre Antwort, wie sie im Protevangelium des Jacobus zu lesen ist, erfahren. "So wahr Gott der Herr lebt:
Wenn ich gebäre, einen Knaben oder ein Mädchen, so will ich das Kind als Opfergabe darbringen Gott dem Herrn. Es soll ihm Dienste verrichten alle Tage seines Lebens."